Eine
Legasthenie erfolgreich überwinden
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Volker Struve |
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Sind Sie Mutter oder Vater eines
lese-rechtschreibschwachen Kindes?
Sind Sie Lehrerin oder Lehrer legasthener Kinder?
Legasthenie ist kein Randgruppenproblem.
Etwa 20% der Jungen und 10% der Mädchen leiden unter der
sogenannten Lese-Rechtschreibschwäche.
Falls Sie kein ausgewiesener Legastheniefachmann
sind, werden Sie darüber erstaunt oder auch verzweifelt sein, dass diese Kinder
Worte oder ganze Sätze „lesen“, die so im Text gar nicht vorkommen, sondern
anscheinend nur in der Phantasie der Kinder.
Zu noch größerem Erstaunen führt regelmäßig der Buchstabensalat,
den Legastheniker produzieren, wenn sie Texte schreiben sollen. Im Falle
extremer Legasthenie kann nur das Kind den Text lesen, welches ihn auch
geschrieben hat. Betroffene Kinder entwickeln häufig ihre eigene
„Rechtschreibung“ und können wiederum die Verzweiflung ihrer Eltern überhaupt
nicht verstehen.
Eine sinnvolle Kommunikation mit und Hilfen für
Legastheniker setzen ein Grundverständnis von Legasthenie bei den Lehrenden
voraus, da ansonsten die Gefahr besteht, durch falsche Hilfen die Situation
noch weiter zu verschlimmern. Viele Legastheniker werden auch heute noch für
dumm gehalten, da ihre andere Art des Lernens häufig nicht hinreichend
verstanden wird. Immer wieder habe ich als Hauptschullehrer erlebt, dass
intelligente legasthene Jugendliche sich selbst für dumm hielten, in der Schule
resignierten und in der Konsequenz zu absoluten Schulversagern degenerierten.
Legastheniker
lernen grundlegend anders, sie lernen Worte als Bilder !
Der schulische Leselernprozess ist darauf angelegt, aufbauend
auf der Kenntnis der Buchstaben über die Laut-Buchstaben-Zuordnung und die
Logik des Wortaufbaus das Lesen und die Rechtschreibung zu erlernen.
Auf diesem Wege können Legastheniker nicht lernen, da sie
zu einer Differenzierung der geschriebenen Worte, zur Wortanalyse und zur
Synthese nicht oder nur sehr begrenzt in der Lage sind.
Legasthene Kinder nehmen stets das vollständige Wortbild auf, d.h. sie speichern im Leselernprozess
Wortbilder statt der logischen Abfolge von Buchstaben. Lernen legasthene Kinder
das Wort Hund, so speichern sie das Wort (HUND) komplett als Bild des Wortes
ab.
Das Erlernen vollständiger Wortbilder ist problematisch,
weil unsere Sprache eine so große Anzahl von Worten umfasst und viele
Wortbilder ähnlich sind. Für legasthene Kinder ist im anfänglichen
Leselernprozess kaum ein Unterschied z.B. zwischen den Wortbildern Hund und Hut
oder Zahn und Zug erkennbar. Aufgrund nachvollziehbarer Verwechselungen der
Wortbilder „lesen“ junge legasthene Kinder andere Worte als im Text tatsächlich
geschrieben stehen. Viele Legastheniker erlernen erst im Verlaufe einiger Jahre
eine hinreichende Differenzierung der Wortbilder.
Stellen Sie sich vor, Sie sollten innerhalb kurzer Zeit
und unter hohem Druck tausende unterschiedlicher Hieroglyphen in ihrer
Bedeutung und ihrer Schreibweise auswendig lernen. Dieser Vergleich ist absolut
zutreffend, da Hieroglyphen Bildern entsprechen und als Bilder gelernt werden
müssen, ebenso wie ein Legastheniker Wortbilder abspeichern.
Eltern sollten deshalb nicht verzweifelt sein, wenn ihr
legasthenes Kind zu Beginn seiner Schulzeit andere Worte „liest“, als jene, die
im Text geschrieben wurden oder wenn es in der Rechtschreibung nahezu
ausschließlich Buchstabensalat produziert.
Sie
können sicher sein, dass auch ihr Kind das Lesen und Schreiben erlernt, wenn es
angemessene Förderung erhält, denn nahezu jedes Kind kann das Lesen und
Schreiben lernen. Das Auswendiglernen von Wortbildern dauert lediglich länger
und viele Kinder verlieren in dieser für Kinder besonders langen Zeit die Lust
an der Schule und am Lesen lernen.
Dies
müssen Sie als Eltern oder Lehrkräfte unbedingt verhindern, da der Schulunlust
viel zu häufig die innere Kündigung gegenüber Schule, das Schulversagen und das
Versagen im Leben folgt.
Legasthene Kinder nehmen nicht nur im Leselernprozess
ihre Umwelt anders wahr, sie sind insgesamt auf visuelle Wahrnehmung fixiert.
Dies wird z.B. deutlich, wenn die visuelle Wahrnehmung bei besonderen
Anforderungen in den Vordergrund rückt. So sind Legastheniker regelmäßig in
Geometrie und bestimmten Bereichen der Mathematik besonders leistungsfähig.
Legasthene junge Männer sind überwiegend in technischen Berufen tätig und dies
nicht nur, weil sie den verhassten Texten aus dem Weg gehen wollen, sondern
weil sie hier aufgrund ihrer vornehmlich visuell geprägten Wahrnehmung und der
darauf basierenden Informationsverarbeitung besonders leistungsfähig sind.
Im Leselernprozess sollten legasthene Kinder deshalb
durch visuell auffälliges Übungsmaterial unterstützt werden. Ich selbst habe
als Extrem-Legastheniker das Lesen nicht in der Schule sondern durch
Mickey-Mouse-Hefte gelernt. Die Verknüpfung von grafischen Darstellungen und
Begriffen erleichtert legasthenen Kindern das Lernen der Wortbilder. Seien Sie
deshalb froh, wenn ihr legasthenes Kind Comics liest. Dies kann ein Weg sein,
die Legasthenie zu überwinden.
Übungen mit Lernmaterial, das die visuelle Wahrnehmung
unterstützt, sind außerordentlich hilfreich. Eine bloße Intensivierung des
„normalen“ Lese-Rechtschreibunterrichts kann dagegen die Situation weiter
verschlimmern, da legasthene Kinder diese „Hilfen“ nicht nutzen können.
Totalversagen und Schulverweigerung sind regelmäßig die Folge unangemessener
Förderung.
Damit Legastheniker ihre Stärken nutzen und ihre Schwäche
überwinden können, ist regelmäßig mehr notwendig als bloßes
Rechtschreibtraining. Diese Kinder benötigen Unterstützung im Rahmen eines
abgestimmten Konzepts, da sie nur so ihre abweichende Erfassung der
Wirklichkeit in erfolgreiches Lernen umsetzen können.
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